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Hölderlin Collage
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HÖLDERLIN 2020
O!
Isabell Ratzinger

Isabell Ratzinger | Dachzimmer und Kellerzimmer

Isabell Ratzinger | Dachzimmer und Kellerzimmer

Kapelle im Gustavsgarten

Installation: Kuben in Leichtbauweise aus Holz, Verkleidung und Einrichtung zweier Zimmer

Kontakt: isabell.ratzingergmailcom


Aussicht

Der off’ne Tag ist Menschen hell mit Bildern,

Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,

Noch eh’ des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,

Und Schimmer sanft den Glanz des Tages mildern.

Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,

Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,

Die prächtige Natur erheitert seine Tage,

Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

Den 24ten März 1871

Mit Untertänigkeit Scardanelli.

Friedrich Hölderlin, Späteste Gedichte (1806-1843)


Die zweite Hälfte seines Lebens fristete der Dichter Johann Christian Friedrich Hölderlin isoliert in einem Tübinger Turmzimmer, weil er zunehmend als ‚Irrer‘ geächtet wurde.

In diesem Isolationsraum kehrt er - der zunächst für seine dichterischen Höhenflüge in den Götterhimmel erhoben wurde - zu ‚naiven‘, kindlichen Reimen zurück: Über den Frühling, über die Freundschaft, den Spaziergang und den Winter. Die Vision einer Welt göttlicher Liebe, die der Dichter in seiner ersten Lebenshälfte schuf, tut sich schließlich vor ihm als Abgrund auf: Die Welt, wie er sie erlebt, und die Welt, wie er sie erträumt, geraten in ein derartiges Missverhältnis, dass er sich völlig aus dem Leben zurückzieht.

Seine letzten Gedichte unterschreibt er mit fiktiven Namen und Zeitangaben. Was noch von Außen in sein Turmzimmer dringt, sind seltene Briefe, sind Geräusche, sind vielleicht Lichtreflexe, die Erinnerungen an die Wände zeichnen.

Analog zu Hölderlins Turmzimmer sollen Kellerzimmer und Dachzimmer durch gezielte Betonung ihrer spezifischen Eigenschaften als Isolationsräume inszeniert werden: Indirekter Lichteinfall von oben durch Fenster, die ein Ausschauhalten nicht erlauben. Die Sinne reiben sich an den Bruchstücken auf, die von der Außenwelt nach innen dringen. Bewohner*innen solcher Räume erleben eine ausgesprochene Konzentration; sie werden immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Beginnen vielleicht, Spuren zu lesen in der Maserung von Holz.

Kontakt
Magistrat der Stadt Bad Homburg v. d. Höhe - Rathaus
Rathausplatz 1
61343 Bad Homburg v. d. Höhe
Telefon:
06172 100-1350
E-Mail:
stadtmarketingbad-homburgde
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